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BfR Bundesinstitut fuer Risikobewertung

15. 08. 2006:

BfR will Verbraucher besser vor allergenen Substanzen schützen
Institut führt erstes Informationsgespräch mit Experten durch

Allergien stellen weltweit eines der größten gesundheitlichen Probleme dar. Sie beeinträchtigen die Lebensqualität eines großen Teils der Bevölkerung und haben erhebliche volkswirtschaftliche Auswirkungen. Allein vier Prozent der Kleinkinder in Mitteleuropa leiden an einer Lebensmittelallergie. Rund 12 Prozent der 13- bis 14-jährigen Jugendlichen und noch deutlich mehr Erwachsene haben Heuschnupfen. Kontaktekzeme sind ein weiteres häufiges Problem. Die Symptome „überschießender“ immunologischer Abwehrreaktionen des Körpers können sich an den Atemwegen, an der Haut oder an den Verdauungsorganen manifestieren. Die Zahl der allergischen Erkrankungen steigt und weist in Deutschland regionale Unterschiede auf. Darauf wiesen Allergieexperten aus dem Bundesinstitut für Risikobewertung, der Berliner Charité und dem Universitätsklinikum Heidelberg bei einer Informationsveranstaltung für Medienvertreter in Berlin hin. „Eine Bündelung aller vorhandenen Informationen zum Thema der Entstehung von Allergien und die Formulierung konkreter Handlungsoptionen ist geplant“, so der Präsident des BfR, Professor Dr. Dr. Andreas Hensel in seiner Begrüßung.

Noch vor der Sommerpause hatte Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer angekündigt, einen Nationalen Aktionsplan gegen Allergien ins Leben zu rufen. Vor diesem Hintergrund hatte das Bundesinstitut für Risikobewertung Medienvertreter zu einem Informationsgespräch zum Thema Allergien eingeladen. Die beiden Experten aus dem klinischen Bereich, Professor Dr. Ulrich Wahn und Professor Dr. Thomas Diepgen, begrüßten diese Initiative ausdrücklich. Ein konzertiertes Aktionsprogramm gegen diese Volkskrankheit sei überfällig.

In Deutschland ist die Zahl der Menschen, die an einem allergischen Bronchialasthma erkrankt sind, innerhalb der 80er Jahre auf das Doppelte angestiegen. In Dänemark hat sich die Zahl der Neurodermitisfälle in den Geburtsjahrgängen 1960-64 und 1970-74 nahezu verdreifacht. Daten für Mitteleuropa zeigen, dass 30 Prozent der Kleinkinder mit Neurodermitis auch unter einer Lebensmittelallergie leiden. 6 bis 19 % der Kinder leiden unter einem atopischen Ekzem, und 15 bis 20 % der Erwachsenen sind gegenüber allergenen Stoffen sensibilisiert.

Zur Allergieauslösung und ihren immunologischen Prozessen sind noch viele Fragen offen. Vermeidungsstrategien haben deshalb einen besonderen Stellenwert. Diesbezüglich ist es vorteilhaft, das Allergie auslösende Potenzial kritischer Stoffe frühzeitig zu erkennen. Substanzen, die zum Einsatz in Verbraucherprodukten vorgesehen sind, sollten zuvor auf ihre allergenen Eigenschaften getestet werden. Während für die Testung auf kontaktallergene Wirkungen bereits zuverlässige Untersuchungsmethoden zur Verfügung stehen, fehlen solche Verfahren bislang für den Nachweis allergener Eigenschaften von Stoffen, die zu einer Sensibilisierung der Atemwege führen. Dies gilt gleichermaßen für Allergie auslösende Eigenschaften von Lebensmitteln, die im Magen-Darmtrakt wirksam werden.

Der Schutz des Verbrauchers vor dem Kontakt mit Stoffen, auf die er allergisch reagiert, und auch vor anderen Stoffen, die an einer Allergieauslösung beteiligt sein können, ließe sich durch entsprechende Informationen über problematische Inhaltsstoffe in Produkten, Textilien und Lebensmitteln verbessern. Sie würden betroffenen Verbrauchern die Möglichkeit eröffnen, Produkte und Lebensmittel im Hinblick auf die individuelle Allergiesituation gezielt auszuwählen oder zu vermeiden. Allergiker könnten sich so aktiv vor allergenen Substanzen schützen.

Über die Vermeidung des Kontakts mit allergenen Substanzen hinaus kann man Allergien auch vorbeugen. So hat das Stillen beispielsweise einen günstigen, präventiven Einfluss auf bestimmte Formen der Allergie. Und auch ein verbesserter Nichtraucherschutz würde sich positiv auf die Allergierate auswirken: Am Einfluss des Passivrauchens auf die Entstehung allergischer Erkrankungen der Atemwege bei Kindern bestehen wissenschaftlich längst keine Zweifel mehr.

Das BfR wird medizinische Fachverbände, Universitäten und andere beteiligte Kreise zu Expertengesprächen einladen, um das Thema weiter zu vertiefen. Darüber hinaus wird das Institut Instrumente einer gezielten Risikokommunikation entwickeln, um die Verbraucher optimal zu informieren und zu schützen.

Dokument: Allergien in Deutschland (Hintergrundinformation A/2006 des BfR vom 15.08.2006) (PDF-Datei, 106.7 KB)

Anmerkung Scherrmann:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das oben kurz beschriebene Vorgehen effektiv ist.
1) Es gibt inzwischen viele Studien, die nachweisen, dass Schadstoffe an der Allergieentstehung massgeblich beteiligt sind. Das schon vorhandene  Wissen sollte endlich wirklich wahrgenommen werden. Weitere Forschung in diesem Bereich ist notwendig und sollte initiiert werden.
2) Der Begriff Allergie wird immer noch ziemlich begrenzt benutzt. Meines Erachtens sollten Unvertraeglichkeiten bzw. Pseudoallergien in die Ueberlegungen miteinbezogen werden. 
3) Die Allergene, die durch inhalierte Substanzen initiiert werden, spielen bei der Betrachtungsweise immer noch eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu denjenigen, die mit der Haut aufgenommenen werden.
4) Solange nicht mal KinderaerztInnen grundsaetzlich vor Duftstoffen in Kosmetik, Wasch- und Putzmittel warnen und z. B. den Zusammenhang mit Neurodermitis deutlich machen, wird sich nicht viel aendern (obwohl die allergenisierende Wirkung vieler Duftstoffsubstanzen dokumentiert ist.)
5) Die "optimale Information" und der "optimale Schutz" ist in meinen Augen voellig unzureichend, solange nicht endlich anders auf die Gesamtproblematik geschaut wird. 
6) Wieviel Forschungsgelder, Umwege, Schmerzen, Leid - z. B. von Kindern - koennte vermieden werden, wenn die Krankheit "Chemikalienunvertraeglichkeiten" ernst genommen wuerde. Bei dieser Krankheit zeigen sich ganz offensichtlich  Zusammenhaenge zwischen Schadstoffen und Unvertraeglichkeits-Symptomen.
7) Die Veschiebung der Krankheit "Chemikalienunvertraeglichkeiten" von der somatischen auf die psychische Schiene schadet also nicht nur diesen Kranken, sondern auch anderen Kranken, z. B. den AllergikerInnen.
8) Chemikalienunvertraeglichkeiten sind i. a. durch Prick-, Intrakutan-, Epikutan- und andere Tests nicht nachweisbar.  Sie sind i. a. nur nach sorgfaeltiger Beobachtung und Befragung zu eruieren. Bei Chemikalienunvertraeglichkeiten hilft keine Desensibilisierung. Das Erlernen von Vermeidungsstrategien widerspricht dem klassischen von der Psychiatrie und der Psychotherapie beeinflussten medizinischen Denken und wird - verstaendlich jedoch voellig unlogisch - meist als psychische Krankheit gedeutet.

Insgesamt: Da von den ExpertInnen, den AerztInnen, den Behoerden, den Allergikerorganisationen und den VerbraucherInnen diese Zusammenhaenge in ihren Fragestellungen eine unzureichende Rolle spielen, wird sich meiner Einschaetzung nach insgesamt wenig aendern. Ich kann mir nicht vorstllen, dass mit dem oben beschriebenen Konzept die VerbraucherInnen  "optimal geschuetzt" werden koennen.

***

Umweltbundesamt (UBA)

Berlin, den 22.04.04: Ein unterschätztes Problem: Umweltbedingte Kontaktallergien  Über fünf Millionen Bürgerinnen und Bürger betroffen

Etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland reagieren sensibel auf mindestens ein häufiger vorkommendes Kontakt-Allergen. Zu diesen gehören zum Beispiel Nickel - aus Modeschmuck - oder auch Duftstoffe, die in Kosmetika und vielen Produkten des täglichen Lebens enthalten sind. Rund sieben Prozent der Bevölkerung Deutschlands - das sind mehr als fünf Millionen Menschen - erkranken jährlich am allergischen Kontaktekzem. Das Problem ist: Eine erworbene Sensibilisierung bleibt in der Regel ein Leben lang bestehen. Den Betroffenen bleibt nur, sich vor dem Kontakt mit dem allergenen Stoff zu schützen. Das geht aus einer neu veröffentlichten Studie der Zentrale des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK), Institut an der Universität Göttingen, hervor, die im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) erarbeitet wurde. In der groß angelegten  Studie wurden über 60.000 Patienten auf Kontaktallergien im privaten Bereich untersucht.

Das allergische Kontaktekzem wird durch Hautkontakt mit allergenen Stoffen hervorgerufen, nachdem es bei einem früheren Kontakt mit diesem Stoff bereits zu einer Sensibilisierung - einer anhaltenden Erhöhung der Empfindlichkeit - gekommen war. Das Problem ist: Eine erworbene Sensibilisierung bleibt in der Regel ein Leben lang bestehen. Den Betroffenen bleibt nur, sich vor dem Kontakt mit dem allergenen Stoff zu schützen. Voraussetzung dafür ist, die wichtigsten Kontakt-Allergene zu kennen.

Am häufigsten reagieren die Menschen auf Nickel. Vor allem Modeschmuck und Piercings führen gerade bei jungen Leuten zu Sensibilisierungen. Erste Erfolge einer Vermeidungsstrategie sind hier aber zu verzeichnen: Nachdem zunächst in Deutschland und später auch in der Europäische Union die Freisetzung von Nickel aus Produkten begrenzt wurde, ging zwischen 1992 und 2001 die Zahl der Sensibilisierungen zurück. Eine Zunahme von Allergie-Problemen durch die Einführung nickelhaltiger EURO-Münzen ist nicht nachzuweisen.

Mehr als eine Millionen Menschen in Deutschland reagiert empfindlich auf Duftstoffe oder Duftstoff-Mischungen. Etwa 30.000 Duftstoffe sind bekannt. Zu den wichtigsten Allergenen gehören hier die Stoffe Eichenmoos (mit 6,8 Prozent positiver Reaktionen bei den Probanten) und Isoeugenol (4 Prozent). Bisher liegen noch keine Erkenntnisse vor, ob die Zahl der Duftstoff-Allergiker durch die zunehmende Verwendung von Duftstoffen in Innenräumen ansteigt. Hier sind weitere Untersuchungen erforderlich.

Ein weiterer Geruchsstoff mit allergenen Eigenschaften ist Perubalsam, ein Wundsekret aus dem Perubalsam-Baum. Perubalsam wird zum Beispiel in Kosmetika, Süßspeisen, Tabak und Getränken eingesetzt. Die Allergiequote steigt hier an, ältere Jahrgänge sind davon stärker betroffen. Auch Konservierungsstoffe können Allergien auslösen. Sie werden in Kosmetika sowie in vielen anderen Produkten wie Dispersionsfarben und -klebern, Putz- und Reinigungsmitteln sowie in Klimaanlagen eingesetzt.

Durch die Anforderungen des Umweltzeichens "Blauer Engel" - beispielsweise für Dispersionsfarben - wurde der Einsatz einiger Konservierungsstoffe reduziert. Als Folge ist ein Rückgang der Sensibilisierungsquoten eindeutig nachweisbar. Ähnlich positive Entwicklungen lassen sich als Folge von Maßnahmen gegen Formaldehyd sowie auf Terpentinöl beobachten - ein Stoffgemisch, das Allergien gegen verschiedene Terpen-Moleküle anzeigt, die in Naturprodukten enthalten sind. Als weitere problematische Allergene fielen den Forscherinnen und Forschern auf: Verschiedene Kleiderfarbstoffe (insbesondere Dispers Blau 106/124); in Haarfarben verwendete Stoffe wie Phenylendiamin und para-Toluylendiamin sowie Epoxidharze, die in Lacken, Farben und Klebern oder in der Glasfaserkunststoffherstellung, zum Beispiel im Windrotorenbau, Anwendung finden. Im Untersuchungszeitraum von 1995 bis 2002 waren mehr als 60.000 Patienten mit Ekzemen in dem Forschungsprojekt des IVDK mit dem Epikutantest auf vorhandene Sensibilisierungen untersucht worden. Neben Informationen zur Person (wie Alter, Geschlecht und Beruf) wurden dabei auch mögliche Auslöser von Allergie-Erkrankungen - zum Beispiel Farben, Schmuck, Textilien oder Kosmetika - erfasst.

Die Studie "Untersuchung zur Verbreitung umweltbedingter Kontaktallergien mit Schwerpunkt im privaten Bereich" ist in der Reihe WaBoLu-Hefte des Umweltbundesamtes als Nr. 01/04 erschienen, umfasst 313 Seiten und kostet 10 Euro. Sie ist erhältlich bei Werbung und Vertrieb, Wolframstraße 95-96, 12105 Berlin, Telefon: 030/2 11 60 61, Fax: 2 18 13 79; e-Mail: berlin@wundv.com  

HTML: http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/2004/pd04-034.htm PDF: http://www.umweltdaten.de/uba-info-presse/pi04/pd04-034.pdf

Anmerkung Scherrmann: Die Problematik „Duftstoffe“ laesst sich nach dieser Studie wohl  nicht mehr ignorieren. Ein Handeln wird nicht initiiert. Als Mensch mit einer Duftstoffunvertraeglichkeit fragt man/frau sich, warum „weitere Untersuchungen erforderlich sind“, warum die vorhandenen Veroeffentlichungen (in MEDLINE ca. 800 zu fragrances and health effects) nicht wahrgenommen werden, wann der Gesetzgeber reagiert, wann eine breitangelegte Aufklaerung stattfindet. Hervorhebungen: Scherrmann

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