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UMID Ausgabe 2/2005 S. 3-5 Abschlussbericht zur multizentrischen MCS-Studie liegt vor Jutta Dürkop, Dieter Eis, Tilman Mühlinghaus, Norbert Englert UFOPLAN-Projekte zum MCS-Syndrom Über die vom Umweltbundesarnt (UBA) im Rahmen des Aktionsprogramms Umwelt und Gesundheit (APUG) in Auftrag gegebene multizentrische Studie zum MCS-Syndrom wurde im UMID schon mehrfach berichtet (UMID 2/1999, S. 44-45; 1/2001, S ' 15-16: 1/2003, 18-21, 2/2003, 19-20; 1/2004, S. 4-5). Insgesamt wurden die folgenden drei Projekte durchgeführt: * Untersuchungen zur Aufklärung der Ursachen des MCS-Syndroms (Multiple Chemikalienüberempfind-lichkeit) bzw. der IEI (Idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeit) unter besonderer Berücksichtigung des Beitrages von . Umweltchemikalien" ,MCS-Studie I" (FKZ 298 62 274) * Untersuchungen zur Suszeptibilität bei multipler Chenükalienüberempfind-lichkeit (MCS) (FKZ 200 61 218/02) * Studie zum Verlauf und zur Prognose des MCS-Syndroms - Erweiterung der Basisstichprobe und Nachunter- suchung (Folgevorhaben), "MCS- Studie II" (FKZ 201 61 218/04) Nunmehr ist auch das dritte und letzte der drei UFOPLAN-Projekte abgeschlossen (Bezugsquellen der drei Abschlussberichte am Ende dieses Beitrages). An der multizentrischen Studie, die unter der Leitung des Robert Koch-Instituts (RKI) durchgeführt wurde, beteiligten sich die umweltmedizinischen Ambulanzen der Universitäten zu Aachen, Berlin/Charité, Freiburg (später ausgeschieden), Gießen, München/Ludwig-Maximilians-Universität und des Fachkrankenhauses Bredtstedt. In den Jahren 2000 und 2003 wurden in den Ambulanzen insgesamt 291 Patienten für die Basisuntersuchung gewonnen und untersucht. Das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Studienteilnehmem lag bei etwa 70:30, das Durchschnittsalter bei 48 Jahren. Es war schwierig, Patienten für die MCS-Studie zu gewinnen, so dass der Umfang der Stichprobe hinter der angestrebten Zahl von 500 Probanden zurückblieb. Aber im internationalen Maßstab ist keine weitere Studie zum MCS-Syndrom nüt ähnlich hohen Fallzahlen und vergleichbar komplexem Studiendesign bekannt, in welche auch eine Verlaufskontrolle einbezogen wurde. In der Basisuntersuchung ging es um die Abgrenzung eines charakteristischen Beschwerdenkomplexes und um die Aufklärung der Ursachen des MCS-Syndroms. An Teilkollektiven wurden zusätzliche Untersuchungen zum Riechvermögen, zu Entzündungsmedia-toren im Bereich der Nasenschleimhaut und zu genetisch determinierten Suszepti-bilitätsmarkern vorgenommen. An der Nacherhebung im Jahr 2003 nahmen 183 Patienten teil, die im Jahr 2000 das erste Mal untersucht wurden. Das Geschlechtsverhältnis entsprach weitgehend dem der Basisuntersuchung. Mit einem standardisierten Telefon-interview wurden Angaben zur Entwick-lung der Beschwerden, zur Inanspruch-nahme medizinischer Leistungen und zu den Lebensumständen erfragt. Im Abschlussbericht zum dritten Projekt wurden bei der Auswertung auch die Daten aus den beiden vorangegangenen Projekten einbezogen. Im Folgenden werden einige ausgewählte Ergebnisse vorgestellt. Nähere Einzelheiten, auch zum Erhebungs-instrumentarium und zu den Methoden, sind dem Abschlussbericht zu entnehmen, der zugleich eine Synopse aller drei MCS-Projekte ist. Ausgewählte Ergebnisse Klassifizierung des Patientenkollektivs Das Patientenkollektiv der Basisstichprobe wurde in MCS-Subgruppen und Nicht-MCS-Subgruppen untergliedert: Neben der Selbsteinstufung durch die Patienten (sMCS/Nicht-sMCS) wurde eine formali-sierte, computergestützte MCS-Einstufung entwickelt. Während bei f1MCS nur Patientenangaben aus dem Fragebogen einbezogen wurden, sind bei f2MCS zusätzlich ärztliche Beurteilungen berück-sichtigt worden. Zum Vorkommen einzel-ner Merkmale wurden Vergleiche in den MCS-Subgruppen (SMCS, f1MCS, f2MCS) und Nicht-MCS-Subgruppen (Nicht-sMCS, Nicht-f1MCS, Nicht-f2MCS) durchgeführt. Beschwerdebild und Beschwerden auslösende Faktoren Die meisten Studienteilnehmer litten an somatoformen Störungen. Diese traten besonders häufig bei Patienten der MCS-Subgruppen auf. Allgemeinsymptome standen hierbei im Vordergrund, gefolgt von Beschwerden an unterschiedlichen Organsystemen. Bei der Auswertung von Freitextangaben im Patientenfragebogen ließen sich aber keine typischen Beschwerdekomplexe ermitteln. Auffällig ist, dass bei über 80 % der Patienten psychische Störungen lange Zeit vor körperlichen Beschwerden aufgetreten sind. Bei etwa 10 % traten psychische Störungen und körperliche Beschwerden zeitgleich auf, bei weiteren 10 % waren zuerst die körperlichen Beschwerden da, die psychischen Störungen kamen später hinzu. Insgesamt ergaben sich bei den durchsehen Cluster- und Faktorenanalysen zwar mehr oder weniger gut interpretierbare Beschwerdenkomplexe, die sich aber nicht zu einem abgrenzbaren Beschwerdebild im Sinne einer MCS-Definition verdichten ließen. Auch die in der Literatur häufig diskutierte zurückliegende Initialexposition spielte eine eher untergeordnete Rolle. Die Beurteilung, ob bei den Studienteil-nehmern jeweils eine Initialexposition den Beschwerden vorausging, wurde von den Ambulanzärzten auf der Grundlage anam-nestischer Angaben der Patienten und der eigenen ärztlichen Beurteilung vorge-nommen. Insgesamt gesehen wurde eine Initialexposition etwas häufiger bei den f2MCS-Patienten angenommen, während beim Vergleich von f1MCS mit Nicht-f1MCS-Patienten kein Unterschied bestand. Es zeigten sich auch keine deutlichen Korrelationen zwischen Beschwerden-komplexen und (auslösenden) Stoffen. Riechvermögen Die Auswertung der Fragebogenangaben ergab, dass über 90 % der MCS-Sub-gruppen-Patienten über eine besondere Geruchsempfindlichkeit berichteten, bei den Nicht-MCS-Subgruppen waren es etwa zwei Drittel. Bei der Überprüfung des Riechvermögens mittels Sniffin Sticks an einer Unterstich-probe von ca. 50 Patienten konnten die Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen mehr Riechstoffe korrekt identifizieren, während die Riechschwelle und das Unterscheidungsvermögen von zwei verschiedenen Gerüchen nicht besser war. Nur wenige dieser Patienten waren offenbar in allen drei Kategorien empfind-licher. Die Ergebnisse haben wegen der geringen Probandenzahl nur orientierenden Charakter. Entzündungsmediatoren in der Nasenlavage Bei 15 Patienten, bei denen auch der Geruchssinn geprüft wurde, konnte im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen in der Nasenspülflüssigkeit eine höhere Konzentration der Entzündungsmediatoren Substanz P und Prostaglandin E2 (PGE2) nachgewiesen werden. Diese Ergebnisse, die ebenfalls orientierenden Charakter haben, könnten bei sMCS-Patienten für eine höhere Reaktivität der Nasenschleim-haut oder häufigere Affektionen der Nase und ihrer Nebenhöhlen sprechen. Hinweise für die Unterstützung der Hypothese einer neurogenen Entzündung, die als möglicher Entstehungsmechanis-mus bei MCS in der Diskussion ist, ergeben sich daraus nicht Suszeptibilitätsmarker Die Ergebnisse der Auswertung der Genpolymorphismen zu Enzymen des Fremdstoffmetabolismus und Parametem des Immunsystems, die als Suszepti-bilitätsmarker bei 205 Patienten überprüft wurden, geben keine Hinweise auf eine erhöhte Empfindlichkeit von MCS-Patienten. Molekularbiologische Unter-suchungen werden in der umweltmedi-zinischen Praxis gelegentlich zur Diagnostik von MCS herangezogen. Nach den vorliegenden Ergebnissen gibt es dafür jedoch keine wissenschaftlich tragfähige Grundlage. Krankheitsverlauf Der Gesundheitszustand hatte sich bei gut der Hälfte der Probanden von der Erstuntersuchung bis zur Nachbefragung nicht verändert öder sogar verschlechtert. Aber knapp die Hälfte der Probanden gab an, dass eine Besserung eingetreten sei, einzelne Personen berichteten auch über Beschwerdefreiheit. Von f1MCS-Patienten wurde häufiger angegeben, dass ihre aktuellen Beschwerden im Vergleich zum Jahr 2000 unverändert seien oder sich verschlechtert hätten, während bei den Nicht-f1MCS-Patienten häufiger Be-schwerdefreiheit oder Besserung genannt wurde. Unabhängig davon ist in beiden Gruppen ein Rückgang der Anzahl der Beschwerden eingetreten. Besonders fällt der Rückgang von Allgemeinsymptomen und Beschwer-den am Magendarmtrakt und Bewegungs-apparat auf. Ebenso war insgesamt die Überzeugung rückläufig, dass die körperlichen Be-schwerden durch Umweltfaktoren aus-gelöst wurden. All diese Trends sind bei Patienten der MCS-Subgruppen stärker als bei Patienten der Nicht-MCS-Subgruppen ausgebildet. Wurden für die Beschwerden Umweltfaktoren verantwortlich gemacht, waren es nahezu die gleichen wie im Jahr 2000. In beiden Subgruppen ist auch die Expositionsvermeidung etwas rückläufig Beschwerdefreiheit oder Besserung wurde auch von einem Teil der Patienten berichtet, die wegen gesundheitlicher Beschwerden oder schädigender Einflüsse in eine andere Wohnung gezogen sind oder ihre Wohnung saniert hatten. Inanspruchnahme medizinischer Leistungen Durchschnittlich gaben die Patienten für die vergangenen drei Jahre 25 Arzt-kontakte zur Umweltmedizin und 40 zu anderen Facharztrichtungen an, wobei fl-MCS- häufiger als Nichtf1-MCS-Patienten zum Arzt gingen. Am häufigsten wurde eine Allergiediagnostik in Anspruch ge-nommen (ca. 41 %), weitaus seltener dagegen Schadstoffmessungen oder Schimmelpilzuntersuchungen. Bei Anwendung therapeutischer Maß-nahmen, wie spezielle Diäten oder Homöopathie, wurde von gut der Hälfte der Patienten eine dauerhafte Besserung angegeben. Akupunktur und Psycho-therapie wurden von den Patienten demgegenüber als nicht so wirksam einge-schätzt. Lebensumstände Der Anteil der Erwerbstätigen ist im Jahr 2003 im Vergleich zu 2000 zurück-gegangen und der Anteil mit Ein-schränkungen bei Sozialkontakten leicht gestiegen. Vorwiegend handelte es sich hierbei um Patienten der MCS-Sub-gruppen. Zusammenfassende Einschätzung Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer stand auch nach drei Jahren noch unter einem großen Leidensdruck. Ein typisches Beschwerdebild ließ sich nicht eingrenzen. Bei einigen wenigen Patienten ist nicht auszuschließen, dass eine erhöhte Geruchsempfindlichkeit und/oder erhöhte Reaktivität der Nasenschleimhaut besteht. Dem Beitrag von Umweltchemikalien an der Auslösung des MCS-Syndroms kommt aber eine eher untergeordnete Rolle zu, typische Ursache-Wirkungsbeziehungen konnten nicht aufgezeigt werden. Beim MCS-Syndrom stehen nunmehr vor allem klinische/medizinische Fragestellungen im Vordergrund. Die gelegentlich. in der umweltmedizini-schen Praxis zur Diagnostik von MCS veranlassten molekularbiologischen Unter-suchungen auf Genpolymorphismen bei Enzymen des Fremdstoffmetabolismus und Parametem des Immunsystems sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sach-dienlich. Mit Nachdruck weisen wir darauf hin, dass in die Differentialdiagnostik beim MCS-Syndrom nicht nur somatische, sondern stets auch psychische Gesundheits-störungen einzubeziehen sind, damit den Patienten eine der Diagnose adäquate medizinische Versorgung zuteil werden kann. Kontaktadresse Dr. med. Dieter Eis, Robert Koch-Institut, FG 22/Umweltmedizin, Seestr. 10, 13353 Berlin,E-Mail: d.eis@rki.de Bezugsquellen 1. Eis, D., Beckel, T., Birkner, N., Renner, B.: Untersuchungen zur Aufklärung der Ursachen des MCS-Syndroms (Multiple Chemikalien-überempfindlichkeit) bzw. der IEI (Idiopa-thische umweltbezogene Unverträglichkeit) unter besonderer Berücksichtigung des Beitrages von Umweltchemikalien (MCS-Studie I). Abschlussbericht in 2 Bänden (Berichtsband und Anlagenband) zu einem FuE-Vorhaben im Auftrag des UBA (FKZ 298 62 274). November 2002 - Der Abschlussbericht kann aus der Bibliothek des Umweltbundesamtes unter Angabe der Signatur "UBA-FB 000396" ausgeliehen werden. - Der Berichtsband des Abschlussberichtes ist in der UBA-Reihe "WaBoLu-Hefte" Nr. 02/03 mit dem gleichen Titel erschienen. Interessierte können dieses Heft unter Angabe der Nr. beim Zentralen Antwortdienst des UBA kostenlos anfordern. 2. Brockmöller, J., Eis, D.D., Mühlinghaus, T., Meineke, C., Birkner, N.: Untersuchungenzur Suszeptibilität bei multipler Chemikalien-überempfindlichkeit. Abschlussbericht zu einem FuE-Vorhaben im Auftrag des UBA (FKZ 200 61 218/02). Dezember 2003 - Der Abschlussbericht kann aus der Bibliothek des Umweltbundesamtes unter Angabe der Signatur "UBA-FB 000639" ausgeliehen werden. 3. Eis, D., Dietel, A., Mühlinghaus, T, Birkner, N., Jordan, L., Meineke, C., Renner, B.: Studie zum Verlauf und zur Prognose des MCS-Syndroms - Erweiterung der Basis-stichprobe und Nachuntersuchung (Folgevorhaben) (MCSStudie II). Abschluss-bericht in 2 Bänden (Berichtsband und Anlagenband) zu einem FuE-Vorhaben im Auftrag des UBA (FKZ 201 61 218/04). Januar 2005 - Der Abschlussbericht kann aus der Bibliothek des Umweltbundesaintes unter Angabe der Signatur "UBA-FB 000775" ausgeliehen werden. - Der Berichtsband des Abschlussberichtes wird im April 2005 in der UBA-Reihe "WgBoLu-Hefte" unter der Nr. 01105 mit dem gleichen Titel erscheinen. Interessierte können dieses Heft in Kürze unter Angabe der Heft-Nr. beim Zentralen Antwortdienst des UBA kostenlos anfordern. Adresse des Umweltbundesamtes: Postfach 14 06 06813 Dessau Oder: Der Band kann unter http://www.umweltbundesamt.org/fpdf-l/2875.pdf (1,29 MB) runtergeladen werden. (2) Kurzfassung in UMID, Ausgabe 2/2005 S. 3-5. Abschlussbericht zur multizentrischen MCS-Studie liegt vor. Jutta Dürkop, Dieter Eis, Tilman Mühlinghaus, Norbert Englert Diese Kurzfassung ist auf der website des UBA nicht runterzuladen. (Stand 24. Nov. 2005) Sie bekommen sie auch als word- oder pdf-Datei über Scherrmann@safer-world.org
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