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SAFER WORLD a private independent international internet information network www.safer-world.org/ Zum Gebrauch des Begriffs "MCS"
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contact: info@safer-world.org | Ingrid Scherrmann, Ochsenhausen, den 25. 07. 2007 Die Verwendung des Begriff "MCS" und die Auswirkungen der vorhandenen Definitionen in Deutschland Da von den USA ausgehend mal wieder die Diskussion aufbrandet, ob und wie der Begriff MCS verwendet wird, hier einige Gedanken dazu. Dabei geht es mir vorrangig darum, kurz zu skizzieren, was nach meiner Erfahrung im deutschsprachigen Raum mehrheitlich unter MCS verstanden wird und was für Folgen diese Begriffsverwendung nach sich ziehen kann. Es gilt abzuwägen, ob die Benützung des Begriffs "MCS" letztlich der Gesundheit von MCS-Kranken hilft oder eher schadet. Um sich für oder gegen den Begriff "MCS" entscheiden zu können, ist es also meines Erachtens unabdingbar, sich zuerst darüber Gedanken zu machen, wie er mehrheitlich zur Zeit verwendet bzw. verstanden wird. 1) Einige wenige Überlegungen zur Historie des MCS-Begriffs in Deutschland Der SPIEGEL setzte mit der Titelgeschichte "Ökochonder" (39/1995) die Weichen in der deutschen Medienlandschaft unter MCS keine somatische sondern eine psychosomatische Erkrankung zu sehen. Beim sogenannten WHO-MCS-Workshop 1996 in Berlin wurde versucht, den Begriff MCS in IEI (Idiopathic Environmental Illness) umzubenennen bzw. MCS und IEI gleichzusetzen. Obwohl die Pressemitteilung vom BgVV (dem heutigen BfR) in einem Punkt nicht nur inkorrekt, sondern eindeutig falsch war (und deshalb viele WissenschaftlerInnen aus Nordamerika ihren Protest nach Berlin sandten), wurde veröffentlicht, dass MCS im Namen der WHO in IEI umbenannt wurde. Zahlreiche Artikel wie "Multiple Chemical Sensitivity: Schädigung durch Chemikalien oder Nozeboeffekt" von Birbaumer und Bock, "Multiple Chemical Sensitivity (MCS) - eine Herausforderung interdisziplinärer Patientenversorgung und Forschung" von Hornberg ed al und Bücher wie "Somatoforme Störungen … " von Henningsen ed al. belegen den Begriff tendenziös und beeinflussten die Meinung der MedizinerInnen entsprechend. Seit ca. 10 Jahren werden verschiedene staatlich geförderte MCS-Studien durchgeführt. Da in den Referenzlisten dieser Studien fast nur Veröffentlichungen industrienaher AutorInnen zu finden sind, und die Studien mitnichten ergebnisoffen angelegt wurden, kann davon ausgegangen werden, dass die Studien das Ziel hatten, MCS "mit wissenschaftlichem Touch" als psychosomatische Krankheit darstellen zu können. Bei der großen und teuren "multizentrischen Studie" unter der Regie des RKI und UBA (der sog. RKI-Studie) brauchten die AutorInnen noch ca. 2 Jahre nach dem Abschluss der Studie, bis die Formulierung des Ergebnis dieser Studie sprachlich und inhaltlich der vorgegebenen Denkweise entsprach. Diese kommt besonders deutlich im Schlusssatz des "Abschlussberichts zur multizentrischen MCS-Studie" zum Ausdruck: "Mit Nachdruck weisen wir darauf hin, dass in die Differentialdiagnostik beim MCS-Syndrom nicht nur somatische, sondern STETS auch psychische Gesundheitsstörungen einzubeziehen sind, damit den Patienten eine der Diagnose adäquate medizinische Versorgung zuteil werden kann. (UMID Ausgabe 2/2005 S. 3-5) (Hervorhebung STETS : Scherrmann) Aus der Anlage und dem Ergebnis der nachfolgenden Studien (München, Freiburg, Mannheim, …) ist ersichtlich, dass diese Studien wohl dem Auftrag nachkamen, die "RKI-Sicht" zu untermauern. Die deutschsprachigen Veröffentlichungen mit dem Tenor, dass MCS eine psychosomatische Krankheit sei, sind inzwischen äußerst umfangreich. 2) Auswirkungen der sog. RKI-Studie auf den Wissenstand der deutschen MedizinerInnen Von den ca. 400 000 ÄrztInnen (Statistik: http://www.ärzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=50480 ) in Deutschland definieren ca. 100 ÄrztInnen MCS nach Cullen oder im Sinne des Consensus 1999. Dies bedeutet, dass ca. 399 900 ÄrztInnen und Ärzte den Begriff MCS nicht kennen oder falsch verwenden und dass, wenn ein MCS-Kranker versucht, einem Arzt von seiner MCS-Krankheit zu erzählen, der Arzt ggf. in seinen Informationsquellen nachschaut und zwangsläufig die RKI-Definition erhält. Da jede Medizinerin und jeder Mediziner aufgrund dieser Quellen weiß, was die "adäquate medizinische Versorgung" bedeutet und wie sie einzuleiten ist, kann die Verwendung des Begriffs "MCS" bei einem Arzt für einen MCS-Kranken schwerwiegende Folgen haben. Es ist leider so, dass Veröffentlichungen, die der oben beschriebenen Mainstreamdenke, nicht angehören - wie z. Bsp. Artikel in der "umg" - ein Nischendasein führen, und vom "normalen Medizinbetrieb" so gut wie nicht wahrgenommen werden.. Meines Erachtens wird der Einfluss dieser und vieler englischsprachiger Veröffentlichungen "in unserem Sinne" von vielen Kranken überschätzt. Dies liegt nicht an der Qualität der Veröffentlichungen sondern an den Informationsmechanismen im medizinisch-therapeutischen Bereich. 3) Vorkommen von MCS im ICD-10 Zur Klärung einige Worte zum ICD-10: In der "Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme 10. Revision, Version 2007" ( http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2007/fr-icd.htm ) steht unter T78.4: "- Allergie, nicht näher bezeichnet - Allergische Reaktion o.n.A. - Idiosynkrasie o.n.A. - Überempfindlichkeit o.n.A. " Eine "Überempfindlichkeit ohne nähere Angaben" ist keine MCS. In der alphabetischen Ausgabe (bzw. dem Diagnosethesaurus") dem ICD-10-GM steht MCS noch drin. Vermutlich hinkt der Thesaurus der "Klassifikation" aufgrund eines Softwareproblems hinterher, denn ganz so einfach dürfte es nicht sein, die beiden Verzeichnisse kompatibel zu gestalten. Ich denke, direkt beim DIMDI anzufragen, was denn nun gelte, ist kontraproduktiv. Eindeutig ist somit der Eintrag "MCS" im ICD-10 nicht. Meines Erachtens macht es deshalb auch nicht viel Sinn, sich auf den ICD-10 zu berufen. 4) Auswirkungen der vom RKI vorgegebenen MCS-Definition auf den Wissenstand der Bevölkerung Die Medien (siehe oben DER SPIEGEL) spielen bei der Aufklärung bzw. Falschaufklärung über MCS eine zentrale Rolle. Ein Beispiel verdeutlicht das gängige Vorgehen: Vor kurzem kam ein recht gutes Interview von Cornelia van Rinsum in der FAZ. DOCH: Daneben stand vom gleichen Autor ein Interview mit Dr. Eis (RKI) über MCS "aus Sicht der Wissenschaft". Der Journalist wollte aufgrund der angeblich notwendigen journalistischen Ausgewogenheit beide Meinungen zu MCS darstellen, strafte damit Cornelia van Rinsums Angaben als unwissenschaftlich ab und lenkte die Meinung der Leserinnen und Leser eindeutig auf die Sicht des RKI. Den eigentlich interessanten journalistischen Fragen, warum die RKI-Sicht von der Industrie erwünscht ist, und warum diese "Sicht der Wissenschaft" sich fast ausschliesslich auf industrienahe AutorInnen beruft, geht er nicht nach. In Deutschland sind besonders AkademikerInnen (also ÄrztInnen, JuristInnen,. WissenschaftlerInnen, PsychologInnen, PädagogInnen, JournalistInnen, …) ziemlich wissenschaftsgläubig, obwohl gerade sie wissen müssten, wie interessensgeleitet ein Teil der Wissenschaft ist. Sie vertrauen in vielen Beireichen, die etwas entfernter zu ihrem eigenen Fachbereich sind, der Sicht bzw. dem sog. "Stand der Wissenschaft". So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie die vom RKI vorgegebene MCS-Definition fraglos übernehmen und diese Meinung weiterverbreiten. Dies bedeutet: Da von den AkademikerInnen im deutschsprachigen Raum MCS mehrheitlich als psychosomatische Krankheit betrachtet wird, hat sich diese Sicht auch in den Medien installiert. Diese Sicht prägt den Umgang der ganzen Bevölkerung mit der Krankheit und den Kranken. 5) Auswirkungen auf das Leben von MCS-PatientInnen Diese Betrachtungsweise kann schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben von MCS-PatientInnen haben. Die Folge dieser MCS-Definition ist nicht nur, dass MCS-Kranke meist fasch diagnostiziert und falsch therapiert werden, sondern auch, dass sie meist auf völliges Unverständnis im sozialen Umfeld stossen. Laufend berichten mir PatientInnen aus Deutschland und auch aus Osterreich per email oder per Telefon, dass sie, sobald MCS in ihrer Krankenakte auftaucht, gezwungen werden, psychosomatische Therapien zu machen (unter dem Vorwand der Mitwirkungspflicht) und/oder Medikamente gegen psychosomatische und/oder psychiatrische Krankheiten verschrieben bekommen. Vermehrt wird versucht, selbst relativ junge MCS-Kranke zu entmündigen. Und sie berichten über ihre zunehmende Isolation, die Rücksichtslosigkeit und das Unverständnis im sozialen Umfeld. Das bedeutet: Eine MCS-Diagnose bzw. die Verwendung des Begriff "MCS" kann die Weichen in eine Richtung stellen, die für einzelne MCS-Kranke keine Verbesserung sondern eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustand und ihrer sozialen Lebensbedingungen bedeutet. Nach meiner Erfahrung kann für manche MCS-Kranke in manchen Situationen das "MCS-Outing" sogar einem Todesurteil gleichkommen. 6) Notwendige Strategien im deutschsprachigen Raum: Die Bemühungen in Nordamerika, den Begriff MCS als somatische Krankheit im Sinne des Consensus 1999 oder eines neuen modifizierten Consensus durchzusetzen, sind enorm wichtig, auch für uns in Deutschland. Doch: Wir befinden uns nicht in den USA. Historische, politische, wissenschaftliche, rechtliche, gesellschaftliche Aspekte lassen sich nur bedingt von den USA auf Deutschland übertragen. Vorraussetzungen zu notwendigen Strategien im deutschsprachigen Raum ist zunächst, dass die Mechanismen im Zusammenhang mit dem Begriff MCS hier Deutschland, in Österreich und der Schweiz klar erkannt werden. Angesichts der Fülle der Artikel der letzten 10 Jahre – sowohl in der medizinischen und psychologischen Fachpresse als auch in der nicht fachgebundenen Presse - ist der Begriff "MCS" verbrannte Erde. Anzunehmen, dass eine modifizierte Consensus-Definition (in unserem Sinne) sich in den kommenden 10 Jahren im Medizin- und Psychologiebereich durchsetzen wird, halte ich für unwahrscheinlich und somit für Wunschdenken. Ich denke: Vorraussetzung, dass MCS als Krankheit anerkannt und verstanden wird ist, dass alle, die auf dem Gebiet von Krankheit und Gesundheit arbeiten, klar erkennen, einigermaßen verstehen und nicht mehr mit den größten Anstrengungen verdrängen, dass Schadstoffe bei der Entstehung und der Entwicklung der meisten unserer Krankheiten (wie z. B: Allergien, Alzheimer, Diabetes, Krebs, MS, Parkinson, Vaskulitis) eine entscheidende Rolle spielen. Schadstoffe sind Chemikalien, Lärm, elektromagnetische, radioaktive und andere Strahlung, Nanopartikel und Stoffe wie Schimmel aus der Natur. Um den Zusammenhang zu verdeutlichen, spreche ich von "Schadstoffinduzierten Krankheiten", kurz SIKs. Erst wenn diese Zusammenhänge Allgemeingut des medizinischen Wissens sind und Prävention viel umfassender als heute definiert und eingefordert wird, wird MCS als eine spezielle und sehr klare Ausprägung einer SIK eingeordnet werden und als eigenständige Krankheit wahrgenommen. Wir können natürlich nicht 10 Jahre alles laufen lassen und auf irgendeine Lösung hoffen und natürlich stellt sich die Frage, wie jetzt und heute gehandelt werden kann. Zunächst halte ich es für wichtig, dass MCS-Kranke aufgeklärt werden, dass es für sie gefährlich sein kann, wenn sie den Begriff "MCS" im ärztlichen und/oder juristischen Kontext verwenden. Es sollte klar sein: Einigen wenigen Fälle, bei denen eine med. MCS-Diagnose hilfreich war oder ist, stehen die unzähligen anderen Fälle gegenüber. Wenn der Begriff MCS nicht verwendet wird, müssen – auch wenn dies meist ziemlich mühsam ist - die Symptome genauer angeschaut werden. Inwieweit dabei toxische Ursachen in die Betrachtung miteinbezogen werden, hängt meines Erachtens vom Symptom, von der vorhandenen Literatur, vom jeweiligen Arzt/Facharzt und vielen weiteren Faktoren ab. Darüber zu diskutieren, an welcher Stelle wie vorgegangen werden kann, fände ich wichtig. Summa summarum: Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich die Verwendung des Begriffs "MCS" im ärztlichen und juristischen Kontext nicht nur für nicht richtig sondern möglicherweise sogar für lebensgefährlich. |
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