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Zusammenfassung, S. 15-29

 

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Seite 15
ZUSAMMENFASSUNG
Vorbemerkungen
Die Zahl der Patienten mit selbstvermuteter MCS (Abkürzung für "Multiple Chemical Sensitivity")
ist in den letzten Jahren beträchtlich angewachsen. Nach amerikanischen Untersuchungen
sollen bis zu 15% der Bevölkerung eine besondere chemische Sensitivität aufweisen.
Als Fallkriterien von MCS gelten:
- Initiale Symptome im Zusammenhang mit einer belegbaren Expositionssituation (jedoch ggf.
auch einschleichender Beginn)
- Die Symptome werden bei der gleichen Person durch unterschiedliche chemische Stoffe bei
sehr geringen Konzentrationen (auf die andere Personen im Allgemeinen nicht mit
Gesundheitsbeschwerden reagieren) ausgelöst
- Die Symptome stehen mit der Exposition in erkennbarem Zusammenhang (Symptome
durch Exposition reproduzierbar; Besserung bei Expositionskarenz)
- Die Symptome treten in mehr als einem Organsystem auf (nicht in allen Falldefinitionen
gefordert)
- Es handelt sich um eine länger anhaltende ("chronische") Gesundheitsstörung
- Die Beschwerden sind nicht auf bekannte Krankheiten zurückzuführen.
Die bisher in der Fachliteratur vorgeschlagenen Fallkriterien variieren in verschiedenen
Punkten. Sie sind theoretisch und empirisch nur unzureichend begründet und daher von
hypothetischem Charakter. Überdies lassen die Kriterien bei ihrer praktischen Anwendung
einen beträchtlichen Ermessensspielraum zu. In der multizentrischen MCS-Studie wurden bei
der abschließenden Einzelfallbewertung die Kriterien von Cullen zugrunde gelegt.
Die MCS-Pathogenesemodelle, die in der Fachwelt diskutiert worden sind, stützen sich
beispielsweise auf die Annahme eines toxisch bedingten Toleranzverlustes, einer neurogenen
Entzündung, eines neuronalen Sensitivierungsprozesses oder eines komplexeren
psychosomatischen Geschehens.
Angesichts dieser Sachlage blieb unklar, ob das MCS-Phänomen von ähnlich erscheinenden
Gesundheitsstörungen abzugrenzen bzw. als eigenständiges Störungsbild aufzufassen ist und
inwieweit es durch Umweltschadstoffe verursacht/ausgelöst wird. Außerdem bestand bei
Verdachtsfällen ein dringender Bedarf nach adäquater Diagnostik, wirksamer Therapie und
effektiver Prävention.
 
16
Vor diesem Hintergrund fand im Februar 1996 in Berlin mit Unterstützung des
Umweltbundesamtes und unter Beteiligung der Weltgesundheitsorganisation der "Workshop on
Multiple Chemical Sensitivities (MCS)" statt. Die dort versammelten Experten empfahlen die
verstärkte Erforschung des MCS/IEI-Phänomens, wobei einerseits Studien mit doppelt-blinden
placebo-kontrollierten Provokationstests und andererseits klinisch-epidemiologische Studien als
besonders erfolgversprechend angesehen wurden. Im Nachgang zu dieser Tagung berief das
Umweltbundesamt drei Arbeitsgruppen (Diagnose, Pathogenese, Therapie) mit dem Auftrag
ein, eine für deutsche Verhältnisse geeignete Forschungsstrategie zu entwickeln. Im September
1998 wurde dann auf einer abschließenden Sitzung aller Arbeitsgruppen dem
Umweltbundesamt die Förderung eines überregionalen multizentrischen MCS-Forschungs-projektes
nahegelegt. Vor diesem Hintergrund kündigte das Umweltbundesamt noch im
gleichen Monat in einer begrenzten Ausschreibung die Absicht an, kurzfristig "Untersuchungen
zur Aufklärung der Ursachen des MCS-Syndroms (Multiple Chemikalienüberempfindlichkeit)
bzw. der IEI (idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeit) unter besonderer
Berücksichtigung des Beitrages von Umweltchemikalien" im Rahmen einer epidemiologischen
Studie zu fördern.
Dieses Vorhaben wurde vom Robert Koch-Institut unter Beteiligung zahlreicher Kooperations-partner
in den Jahren 1999-2001 durchgeführt und anschließend der hier vorgelegte
Abschlussbericht erarbeitet. Er besteht aus einem Berichts- und einem Anlagenband. In dem
Berichtsband werden die Methodik und Ergebnisse der multizentrischen MCS-Studie vorgestellt
und diskutiert. Die Darstellung ist der deskriptiven Datenauswertung respektive der
Grundauswertung vorbehalten. Weitere Publikationen mit den Ergebnissen der vertieften
multivariaten Datenauswertung sind in Vorbereitung. Im Anlagenband befinden sich die in der
Studie verwendeten Formulare, Erhebungsinstrumente und weitere Dokumente sowie die
ausführliche Darstellung des im Rahmen eines Unterauftrages an die Universität Erlangen-Nürnberg
vergebenen Teilvorhabens "Untersuchungen von Reaktionen der Nasenschleimhaut
und des sensorischen Apparates nach niedrigdosierter chemischer Stimulation bei Patienten
mit MCS".
 
Studienziel und Fragestellungen
Ziel des Projektes war zunächst die Konstitution eines funktionsfähigen MCS-Forschungsverbundes
unter Beteiligung von sechs umweltmedizinischen Ambulanzen mit
mehrjähriger Erfahrung im Bereich der klinischen Umweltmedizin, die über eine entsprechende
klinische Einbindung mit den Möglichkeiten zur weiterführenden Diagnostik verfügen. Zugleich
wurde ein Beirat einberufen, der aus Vertretern verschiedener medizinischer Disziplinen
bestand und der das Vorhaben von Beginn an fachlich begleitete.
 
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Das inhaltliche Hauptanliegen der Studie bestand in einer genaueren Beschreibung und
vertieften Analyse des Beschwerdenkomplexes der "Multiplen Chemischen Sensitivität", wobei
u.a. Erkenntnisse zu den Ursachen und zur Bahnung sowie zur Auslösung von MCS gewonnen
und die damit verbundenen Gesundheitsbeeinträchtigungen genauer erforscht werden sollten.
Es war zu klären, ob sich MCS als eigenständige, durch Umweltschadstoffe hervorgerufene
und/oder getriggerte Erkrankung abgrenzen lässt. Damit verbunden war die Frage, wie sich
MCS-Patienten von Personen mit anderen umweltbezogenen Gesundheitsstörungen unter-scheiden
und durch welche Merkmalsprofile die jeweiligen Gruppen charakterisiert sind. Diese
Fragestellung betraf sowohl Patienten mit MCS-Selbstattribution (sMCS) als auch die im
Rahmen der Studie ärztlich bestätigten MCS-Störungen (sog. MCS2). Letztlich sollte geklärt
werden, ob und in welcher Form das MCS-Beschwerdebild verifiziert werden kann, welche
Umweltnoxen dabei ggf. wirksam werden und wie häufig es unter Umweltambulanzpatienten
auftritt.
Von Interesse war darüber hinaus, inwiefern sich Patienten umweltmedizinischer Ambulanzen
(und speziell MCS-Patienten) von anderen klinischen Vergleichsgruppen und gegenüber alters-und
geschlechtsentsprechenden Vergleichsgruppen der Allgemeinbevölkerung unterscheiden.
Im Rahmen von ergänzenden Publikationen sollen auch Nebenfragestellungen überwiegend
methodischer Art bearbeitet werden. Dies betrifft beispielsweise die Konsistenz von Patienten-angaben
(intra- und interinstrumentell), die Unterschiede von Patienten- und Arzt-einschätzungen
(etwa hinsichtlich des Schweregrades der Erkrankung), die unterschiedliche
diagnostische Einschätzung auf Seiten der Ärzte (Beurteilerübereinstimmung bezüglich MCS2)
und die vertiefte Analyse von Zentrumseffekten.
Das Vorhaben diente außerdem der Weiterentwicklung des Erhebungsinstrumentariums, der
Erarbeitung valider Fallkriterien und einer Optimierung der diagnostischen Vorgehensweise.
Therapeutische Fragestellungen wurden in diesem Projekt nicht bearbeitet.
Im Rahmen eines Teilvorhabens mit dem Titel "Untersuchungen von Reaktionen der
Nasenschleimhaut und des sensorischen Apparates nach niedrigdosierter chemischer
Stimulation bei Patienten mit MCS" wurden in Zusammenarbeit mit dem Institut für
Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
unter Bezug auf die "Neurogene-Entzündungs-Hypothese" sowie die "Zentrale-Informationsverarbeitungs-
Hypothese" weitergehende olfaktometrische Untersuchungen
durchgeführt. Ausgewählte Ergebnisse dieses Teilvorhabens sind in den Berichtsband
integriert, die ausführliche Darstellung ist im Sachbericht zum Erlanger Teilvorhaben im
Anlagenband zu finden. Die Untersuchungen zur neurogenen Entzündung werden zu einem
späteren Zeitpunkt abgeschlossen, da die Analyse der Entzündungsmediatoren noch aussteht.
 
18
Methodik
Das Forschungsvorhaben hatte über weite Strecken den Charakter einer Pilotstudie, da ein
Forschungsverbund etabliert und ein einheitliches abgestimmtes Vorgehen entwickelt werden
mussten, einschließlich des gemeinsamen Erhebungsinstrumentariums, des fallbezogenen
Untersuchungsablaufs und der Beurteilungskriterien. Außerdem war der multizentrische
klinisch-epidemiologische Ansatz in der gewählten Form zum Zeitpunkt des Studienbeginns
ohne Vorbild und es bestand bezüglich zahlreicher methodischer Fragen der MCS-Forschung
(einschließlich einer verlässlichen Fallcharakterisierung) noch ein beträchtlicher Klärungsbedarf.
 
Studienkonzept und -ablauf
 
An dem Vorhaben waren sechs umweltmedizinische Ambulanzen beteiligt, von denen fünf an
Universitätskliniken (Aachen, Berlin/Charité, Freiburg, Giessen, München/LMU) und eine an
dem als Umweltklinik bekannten Fachkrankenhaus Nordfriesland (Bredstedt) angesiedelt
waren. Das Studienzentrum befand sich am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Mit der
Auswahl wurde etwa die Hälfte aller in Deutschland existierenden universitären
Umweltambulanzen erfasst, womit ein ungewöhnlich hoher Auswahlsatz erreicht werden
konnte. Zusätzlich wurde mit der Bredstedter Einrichtung eine für Umweltkliniken repräsentative
Einrichtung berücksichtigt und so das Spektrum in diese Richtung erweitert.
Im Rahmen des überregionalen Forschungsverbundes wurden im Jahr 1999 die Erhebungs-und
Dokumentationsinstrumente entwickelt (Umweltmedizinischer Fragebogen und
Basisdokumentationsbogen) bzw. entsprechende Vorlagen adaptiert und zusammengestellt
(Gesundheitsfragebogen und CIDI), ein Kriterienkatalog zur Falldefinition erarbeitet sowie das
methodische Vorgehen der beteiligten umweltmedizinischen Zentren aufeinander abgestimmt,
soweit dies im gegebenen Rahmen möglich und wünschenswert war.
Als Erhebungsphase des Projektes wurde das Jahr 2000 festgelegt. Alle in diesem Zeitraum in
den sechs beteiligten umweltmedizinischen Ambulanzen erstmals untersuchten Patienten
sollten im Falle ihrer Teilnahmeeinwilligung in die Studie einbezogen werden. Personen im
Lebensalter von unter 18 Jahren waren dabei ausgeschlossen. Für 234 der rund 300 Umwelt-ambulanzpatienten
des Jahrgangs 2000 lagen alle Fragebögen (Umweltmedizinischer
Fragebogen, UmedFB; Gesundheitsfragebogen, GesFB; ärztlicher Basisdokumentationsbogen,
BDB) ausgefüllt vor. Sie bildeten die sog. Kernstichprobe.
Das Untersuchungskonzept bestand darin, durch differentialdiagnostische Abklärung und unter
Heranziehung der MCS-Fallkriterien nach Cullen die Patienten mit einer schadstoffbedingten
MCS-Erkrankung herauszufinden. Diese Eingrenzung der MCS-Fälle erfolgte nach einem
diagnostischen Stufenschema, das in drei Stufen bzw. Ebenen gegliedert war. Auf der Ebene 0
 
19
(Studieneingangsebene) wurde die Selbsteinstufung der Patienten zugrunde gelegt und die
Gruppe der Patienten mit selbstberichteter MCS (sMCS) den übrigen Umweltambulanz-patienten
(Nicht-sMCS) gegenübergestellt. Diese Einteilung aufgrund der MCS-Selbstattribution
sollte sicherstellen, dass diejenigen Personen, die sich als MCS-Erkrankte verstanden, mit
ihrem subjektiven Krankheitskonzept genügend gewürdigt wurden. Im nächsten Schritt kam
ärztlicherseits ein relativ weit gefasster MCS-Kriterienkatalog zur Anwendung, mit dem die
Patienten auf einer postanamnestischen, aber noch prädiagnostischen Untersuchungsebene
(Ebene 1) in die MCS1-Gruppe oder die Nicht-MCS1-Gruppe eingeordnet wurden. Schließlich
erfolgte nach abgeschlossener Diagnostik, zum Ende der bei jedem Patienten im regionalen
Zentrum obligatorischen Fallkonferenz, eine abschließende Bewertung und der Versuch einer
diagnostischen Einstufung (Ebene 2) in die MCS2- oder die Nicht-MCS2-Gruppe. Der Begriff
"diagnostisch" wird hier erkennbar im weiteren Sinne verwendet, da bisher nicht klar ist, ob es
sich bei MCS um eine klinische Entität handelt.
 
Studiendesign
 
Der Studie liegt primär ein Querschnittsdesign zugrunde. Die Teilung der Studienpopulation in
MCS-Patienten und Nicht-MCS-Patienten und deren Vergleich in Bezug auf diverse
Expositions- bzw. Risikofaktoren kann als Schichtung im Rahmen des Querschnittsdesigns
betrachtet werden. Da die Aufteilung der Ambulanzpatienten in eine MCS-Gruppe und eine
Nicht-MCS-Gruppe zugleich einer Fall-Kontroll-Situation mit ambulanzbasierten Fällen und
Kontrollen entspricht und die daran anknüpfende Auswertung gleichfalls wie in einer Fall-Kontroll-
Studie geschieht, kann das betreffende Studiensegment auch als Fall-Kontroll-Ansatz
aufgefasst werden.
 
Erhebungsinstrumente
 
Im ersten Jahr des Projektes wurde ein einheitliches Erhebungsinstrumentarium entwickelt.
Der 46-seitige Fragebogen für Patientinnen und Patienten der Umweltmedizinischen Ambulanz
(kurz: Umweltmedizinischer Fragebogen, UmedFB) war von jedem Umweltambulanzpatienten
bzw. jedem Studienteilnehmer selbst auszufüllen. Der UmedFB enthält Fragenkomplexe zu den
gesundheitlichen Beschwerden, den vermuteten Umweltbelastungen und Lebensverhältnissen.
Der 34-seitige Fragebogen zur Gesundheit für umweltmedizinische Patientinnen und Patienten
(kurz: Gesundheitsfragebogen, GesFB) war ebenfalls von jedem Umweltambulanzpatienten
bzw. jedem Studienteilnehmer selbst auszufüllen. Der Gesundheitsfragebogen besteht aus
15 eigenständigen Instrumenten zur Erfassung verschiedener Dimensionen der psychosozialen
und körperlichen Gesundheit (einschließlich eines MCS-Fragebogens zu beschwerde-auslösenden
Stoffen und den assoziierten Beschwerden).
 
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Der 27-seitige ärztliche Basisdokumentationsbogen (BDB) wurde vom zuständigen Ambulanz-arzt
zu jedem Ambulanzpatienten bzw. jedem Studienteilnehmer unter Würdigung aller
verfügbaren Informationen und Befunde, einschließlich der Ergebnisse der abschließenden
Fallkonferenz, ausgefüllt. Er enthält u.a. die "MCS-Einstufungen" der Ebenen 0, 1 und 2. Die
Befundbeurteilung und die diagnostische Abklärung lagen im fachlichen Ermessen der im
regionalen Zentrum zuständigen Ärzte, wobei allerdings Konsensentscheidungen im Rahmen
regionaler Fallkonferenzen herbeizuführen waren.
 
Klinische Diagnostik
 
Individualdiagnostik
 
Aufgrund der sehr unterschiedlichen Gesundheitsbeschwerden der einzelnen Patienten war die
oft aufwändige klinisch-diagnostische Abklärung, ggf. unter Einbeziehung von Vorbefunden,
strikt individuell auszurichten. Diagnostische Screeningprogramme hätten die gezielte
Individualdiagnostik nicht ersetzen können und sie wären überdies im Rahmen der Studie nicht
zu finanzieren gewesen. Die zur diagnostischen Abklärung durchgeführten somatisch-medizinischen
Untersuchungen variierten somit nach Art und Umfang von Patient zu Patient.
Ein "Standardprogramm", wie es bei den psychometrischen Untersuchungen verwendet werden
konnte, kam aus den genannten Gründen auf dem Gebiet der klinisch-medizinischen Diagnostik
nicht in Betracht.
 
Die zahlreichen somatischen Befunde wurden aufgrund ihrer Diversität nicht einzeln statistisch
ausgewertet, sie lieferten aber die Basis für die klinische Beurteilung, deren Ergebnisse im
Basisdokumentationsbogen festgehalten worden sind und die so auf einer höheren
diagnostischen Ebene für die Auswertung zur Verfügung standen. Während also auf dem
Gebiet der Psychometrie die einheitlich mit bestimmten Instrumenten bei allen Patienten
erhobenen Daten dargestellt werden konnten (und dies unweigerlich einen gewissen Raum
beanspruchte), lag es in der Natur der Sache, dass die klinische Befunderhebung aufgrund der
geschilderten Komplexität und interindividuellen Heterogentität nur auf einer individuell
aggregierten, nämlich der diagnostischen Ebene in die statistische Auswertung eingehen konnte.
Dadurch entsteht möglicherweise der unzutreffebde eindruck eines Ungleichgewichtes zwischen
        dem Umfang der psychometrischen Untersuchungen und Psychodiagnostik einerseits und der
somatologischen diagnistik andererseits. während in Wirklichkeit die somatisch-medizinischen
Untersuchungen deutlich überwogen (Anamneseerhebung, körperliche Untersuchung,
labormedizinische Untersuchungen, Allergiediagnostik, apparative Diagnostik,
individuelle diagnostische Beurteilung, Fallkonferenz und abschließende Einschätzung).
 
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Composite International Diagnostic Interview (CIDI)
 
Zur operationalisierten Erfassung psychischer Störungen wurde das CIDI verwendet. Dieses
computergestützte psychiatrische Interview- und Diagnosesystem eignet sich für die
Anwendung in epidemiologischen Studien.
 
Erlanger Teilprojekt mit Untersuchungen des olfaktorischen Systems
 
Das geplante Projekt konzentrierte sich darauf, Methoden zu erproben und zu etablieren, die es
ermöglichen, die "Neurogene-Entzündungs-Hypothese" sowie die "Zentrale-Informations-verarbeitungs-
Hypothese" zu überprüfen. Die Pilotstudie sollte zugleich erste Untersuchungs-ergebnisse
für eine Teilstichprobe von Patienten mit MCS-Verdacht (Ebene 1) im Vergleich zu
einer Kontrollgruppe gesunder Probanden liefern.
Folgende Untersuchungsmethoden kamen dabei zum Einsatz: subjektive Riechtestung mit
Sniffin‘ Sticks; Bestimmung der Nasengeometrie mit Hilfe der akustischen Rhinometrie vor und
nach Provokation mit 2-Propanol bzw. feuchter Raumluft; EEG-Ableitungen mit olfaktrisch
evozierten Potentialen (OEP); Registrierung der Hintergrundaktivität im EEG; Registrierung der
Aufmerksamkeit der Patienten bzw. der gesunden Kontroll-Probanden während der EEG-Ableitung
anhand einer "Tracking Performance"; Einsatz psychophysiologischer Fragebögen
mit visuellen Analogskalen. Randomisiert wurden der Tag der Provokation (Tag 1 oder Tag 2)
und die stimulierte Nasenseite (rechts oder links). Bei jedem Patienten oder auch bei dessen
Kontroll-Probanden wurde immer nur eine Nasenseite für die Stimulation verwendet. Die
Untersuchung erfolgte doppelblind, d.h. weder der Patient bzw. Kontroll-Proband noch der
Untersucher wussten, an welchem der beiden Untersuchungstage die Provokation mit
2-Propanol stattgefunden hat.
 
Stichprobe und Zielgesamtheit
 
Die Studienpopulation (Stichprobe) sollte möglichst repräsentativ sein für die in umwelt-medizinischen
Ambulanzen zur Untersuchung kommenden Patienten (Zielpopulation). Es
handelte sich vorwiegend um eine so genannte Selbstrekrutierung der Probanden und damit
um eine anfallende Stichprobe. Von Interesse für die eigentliche Ambulanzstudie waren nicht
die bereits im Vorfeld auf einer reinen Beratungsebene meist telefonisch betreuten Personen,
sondern die in der Ambulanz zur Untersuchung erschienenen "umweltmedizinischen Patienten".
Die relativ geringe Patientenzahl in einzelnen Zentren ist nicht auf niedrige Inanspruchnahme-raten
und nicht auf ungenügende Beteiligungsquoten, sondern auf Kapazitätsprobleme der
jeweiligen Einrichtungen (z. B. durch unerwartete Personalausfälle) zurückzuführen. Patienten,
die aus Kapazitätsgründen nicht an den beteiligten Zentren betreut werden konnten, wurden an
 
22
andere umweltmedizinische Einrichtungen außerhalb des Forschungsverbundes verwiesen.
Eine strikte Zufallsauswahl wurde nicht vorgenommen, da auch im normalen Ambulanzbetrieb,
der mit dem Studienansatz abgebildet werden sollte, ein Ermessensspielraum, z. B. nach
Dringlichkeit der umweltmedizinischen Problematik, gegeben sein muss. Eine gewisse
Überrepräsentation von Patienten mit selbstberichteter MCS (sMCS) hat sich im Münchner
Zentrum ergeben, da dort bevorzugt Patienten mit sMCS in die Studie aufgenommen worden
sind. In Bezug auf die Gesamtstichprobe ist diese Verschiebung im sMCS-Anteil jedoch nicht
sehr wesentlich. Sie beeinflusst u. U. geringfügig die Querschnittsauswertungen, während der
Fall-Kontroll-Vergleich durch solche Verzerrungen kaum berührt wird.
 
Datenverarbeitung
 
Die Daten wurden in mehreren Access-Datenbanken am Robert Koch-Institut in anonymisierter
Form gespeichert. Außerdem erfolgte im Studienzentrum eine Datenprüfung und –aufbereitung.
Die statistische Datenanalyse wurde überwiegend mit dem Statistikprogramm SPSS 10 für
Windows durchgeführt.
 
Ergebnisse
Soziodemographische Merkmale
 
Es konnten 234 (80%) der im Jahr 2000 an den sechs beteiligten Zentren untersuchten rund
300 Patienten in die Studie einbezogen werden. 93 (40%) der 234 Umweltambulanzpatienten
bezeichneten sich bei Studienaufnahme als MCS-erkrankt (sMCS), 141 Patienten (60%)
brachten ihre umweltbezogenen Beschwerden nicht primär mit MCS in Verbindung, wurden
also der Nicht-sMCS-Gruppe zugerechnet. Frauen waren in der Stichprobe mit einem Anteil von
ca. 70% häufiger vertreten als männliche Patienten. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung
(Bundes-Gesundheitssurvey 1998, kurz: BGS 98) waren bei den Frauen die Altersgruppen
zwischen 31-70 Jahren deutlich überrepräsentiert. Signifikante Unterschiede im Vergleich zum
BGS 98 fanden sich auch in den Angaben zum höchsten Schulabschluss (Überwiegen höherer
Schulabschlüsse, wobei es sich allerdings um einen Zentrumseffekt handelt, der auf regionalen
bildungsstrukturellen Besonderheiten beruhen dürfte), sowie den Angaben zur Berufstätigkeit
(weniger Berufstätige) und zum Familienstand (mehr Ledige).
 
Gesundheitliche Beschwerden und Exposition gegenüber verschiedenen
Stoffen aus der Umwelt
Im Vordergrund der von den Patienten im UmedFB angegebenen Gesundheitsbeschwerden
standen unspezifische Allgemeinsymptome, gefolgt von Beschwerden des Bewegungs-
 
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apparates und Magen-Darm-Beschwerden. Die Schmerzabfrage (Zeitfenster: 7 Tage/12
Monate) ergab besonders bei Kopfschmerzen, aber auch bei allen anderen Schmerz-lokalisationen
in der Studienstichprobe sehr viel häufigere Nennungen als im BGS 98. Auch bei
den Lebenszeitprävalenzen vieler Erkrankungen, u.a. Allergien, Magen-Darm-, Atem-wegserkrankungen
und psychische Erkrankungen, machten die Studienteilnehmer signifikant
häufigere Angaben, während andere Erkrankungen, z.B. Krebserkrankungen, Schlaganfälle,
Zuckerkrankheit und Bluthochdruck nicht häufiger als im BGS 98 genannt wurden. Im Vergleich
zur Allgemeinbevölkerung (BGS 98) hatten die Umweltambulanzpatienten einen sehr viel
höheren Score auf der Beschwerden-Liste (B-L) nach v. Zerssen und sie beurteilten auf allen
acht Dimensionen des SF-36 ihre Lebensqualität deutlich niedriger.
 
Im internen Vergleich zwischen sMCS- und Nicht-sMCS-Patienten gab es folgende wesentliche
Unterschiede: sMCS-Patienten gaben bei den Fragen nach ihren Beschwerden signifikant
häufiger eine Geruchsempfindlichkeit, Geschmacksstörungen, Ohrgeräusche und ab-nehmendes
Leistungsvermögen bzw. chronische Müdigkeit über 6 Monate an. Sie bejahten
häufiger eine besondere Infektanfälligkeit, Textilunverträglichkeiten und eine generelle
Unverträglichkeit gegenüber chemischen Stoffen. Die sMCS-Patienten fühlten sich signifikant
häufiger durch eine Vielzahl von Gerüchen im Haushalt, insbesondere von Emissionen durch
Baumaterialien, Wandbeläge, Anstriche und Möbel belästigt und sahen sich nach ärztlicher
Aufzeichnung signifikant häufiger durch Dentalmaterialien, allgemeine Umweltchemikalien und
Bedarfsgegenstände sowie im Wohnumfeld und am früheren und jetzigen Arbeitsplatz belastet.
Außerdem gaben sie signifikant häufiger an, sich zum Schutz vor Umwelteinflüssen bevorzugt
in der Wohnung aufzuhalten. Zur Frage nach dem Kausalitätsbezug ihrer Beschwerden
nannten sMCS-Patienten signifikant häufiger Schadstoffe, elektromagnetische Felder,
Nahrungsmittel, Pilzerkrankungen des Darmes und Passivrauchbelastung als wahrscheinliche
Ursachen.
sMCS-Patienten und Nicht-sMCS- Patienten lehnten psychosoziale Ursachen der Beschwerden
(u.a. finanzielle Sorgen, Vereinsamung, Beziehungsprobleme, familiäre Belastungen,
Nachbarschaftsprobleme) etwa gleichermaßen ab.
sMCS-Patienten setzten nach eigenen Angaben signifikant weniger Haushaltschemikalien-produkte
ein, wie z.B. Toilettensteine, Universalreiniger, Weichspüler und allgemein chemische
Schädlingsbekämpfungsmittel, hatten viel seltener Amalgamfüllungen, aber viel häufiger
sonstige Implantatmaterialien im Zahnbereich und wiesen signifikant mehr umweltmedizinische
Voruntersuchungen (Biomonitoring, "Entgiftungsenzymuntersuchungen" und funktionelle
Bildgebung des Gehirns) in der Anamnese auf.
 
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Befragt nach den Informationsquellen zu umweltbezogenen Gesundheitsproblemen standen in
der Gesamtstichprobe Ärzte, Zeitungen/Zeitschriften und Rundfunk/Fernsehen im Vordergrund.
Die sMCS-Patienten bezogen außerdem signifikant mehr Informationen von Selbsthilfegruppen
und Büchern als Nicht-sMCS-Patienten.
 
MCS-Fragebogen
Die sMCS-Patienten gaben bei allen 28 im MCS-Fragebogen (Teil 1) aufgelisteten sog. "MCS-Stoffen"
signifikant häufiger starke bis sehr starke Beschwerden im Vergleich zu Nicht-sMCS-Patienten
an. Von fünf aufgeführten Allergenen lösten Schimmelpilze und Nüsse bei sMCS-Patienten
häufiger starke/sehr starke Beschwerden aus als bei Nicht-sMCS-Patienten. Von den
für diese Studie neu aufgenommenen fünf Stoffen riefen bei sMCS-Patienten natürliche
Parfumstoffe und unbekannte Stoffe häufiger subjektiv empfundene starke/sehr starke
Beschwerden hervor. Im Vergleich der Ergebnisse von Allergikerinnen und MCS-Patientinnen
einer anderen Studie mit denen der weiblichen sMCS-Patienten unserer Erhebung
bezeichneten beide MCS-Patientinnen-Gruppen alle "MCS-Stoffe" häufiger als stark/sehr stark
Beschwerden auslösend als die Allergikerinnen. Bei den Allergenen, die bei den Allergikerinnen
selbst überwiegend keine Beschwerden auslösten, gaben sMCS-Patientinnen häufiger als die
Allergikerinnen an, dass der Kontakt mit ihnen mit starken/sehr starken Beschwerden
verbunden ist. Gegenüber den 11 abgefragten Beschwerdebereichen im MCS-Fragebogen, Teil
2 beurteilten die sMCS-Patienten den ursächlichen Zusammenhang zwischen Umweltstoffen
        und eigenen Beschwerden als wahrscheinlicher als Nicht-sMCS-Patienten. Die Unterschiede
sind hochsignifikant.
 
Erlanger Teilprojekt mit Untersuchungen des olfaktorischen Systems
 
Da MCS-Patienten häufig über eine erhöhte Geruchssensibilität berichten, wurden im Rahmen
der multizentrischen Studie 19 Patienten mit MCS-Verdacht (Ebene 1) und einer von den
Patienten selbst angegebenen Riechstörung sowie 19 entsprechende Kontroll-Probanden
olfaktometrisch untersucht. Neben der Standarduntersuchung des Riechsinnes (Sniffin‘ Sticks)
wurden mit Blick auf die Fragestellung einer "zentral-sensorischen Informationsverarbeitungs-störung"
EEG-Ableitungen mit olfaktorisch evozierten Potentialen inklusive einer P300-
Komponente vorgenommen. Außerdem wurden bei diesen Patienten und bei 19 ent-sprechenden
Kontroll-Probanden Untersuchungen von Reaktionen der Nasenschleimhaut und
des sensorischen Apparates nach niedrigdosierter chemischer Stimulation durchgeführt.
In der vorliegenden Studie konnte, so wie in früheren Untersuchungen auch, keine erhöhte
Riechleistung bei der Patientengruppe gefunden werden. Es ist jedoch anzumerken, dass die
Untersuchungszeit bei der MCS-Gruppe, bedingt durch Einfügen von Pausen, deutlich länger
 
25
angesetzt werden musste und dass eine Testung ohne Pausen bei einigen Patienten sicherlich
geringere Werte (Scores) geliefert hätte. Dass die häufige Stimulation mit olfaktorischen
Substanzen ein besonderes Problem für die MCS-Patienten darstellt, zeigte sich nicht nur
während der Testung mit den Sniffin‘ Sticks, sondern auch bei der Bewertung der trigeminalen
Eigenschaften nach häufiger Stimulation mit PEA (Phenylethylalkohol-Rosenduft) als
Standardreiz (Qualität "Brennen" oder "Stechen"). Im Gegensatz dazu wurden für H2S
(Schwefelwasserstoff) als seltenem und unangenehmem Targetreiz derartige Unterschiede
zwischen den Gruppen nicht beobachtet.
Im Hinblick auf die Provokation mit 2-Propanol (Verum) wurde bei den Patienten eine
unerwartet verbesserte Nasenatmung auf der nichtstimulierten Nasenseite in der subjektiven
Schätzung sowie ansatzweise nach akustischer Rhinometrie sichtbar. Dieser Befund verdient
zumindest eine gewisse Beachtung bei künftigen Untersuchungen, da eine veränderte
Interaktion auf neuronaler Ebene zwischen den beiden Nasenseiten nicht auszuschließen ist.
        der deutliche 2-Propanoleffekt im Hintergrund-EEG zeigte auch, dass die Datenerhebung in der
aktuellen Studie signifikante Unterschiede aufzeigen konnte und dass pharmakologische oder
        sensorische Effekte bei einer Provokationstestung selbst im Schwellenbereich eine Rolle spielen
können,
Die Ergebnisse der durchgeführten Untersuchungen lassen erkennen, dass die Ableitung von
evozierten Potentialen nach der "Odd ball"-Reizfolge zur Gewinnung von olfaktorischem P300
in der Routineuntersuchung von MCS-Patienten in der durchgeführten Art und Weise weniger
geeignet erscheint. Dies begründet sich zum einen in der Belastung der Patienten mit
Riechstoffen über zwei Messtage hinweg, die zu einer gewissen Vorselektierung der
Patientengruppe führen kann. Zum anderen erwiesen sich diese späten Potentiale als
besonders störanfällig gegenüber Artefakten durch Augenbewegungen, die bei ungeübten
Personen (Patienten und Kontroll-Probanden) nicht immer vermeidbar sind. Aber auch
Muskelanspannungen, die besonders bei der Patientengruppe auftraten, können das EEG mit
Artefakten überlagern. Deshalb sollte bereits zu Beginn künftiger Studien eine größere Anzahl
von Patienten und Kontroll-Probanden für P300-Ableitungen eingeplant werden, um zumindest
diesen artefaktbedingten Verlust möglichst ausgleichen zu können. Erst nach Feststellung
signifikanter Gruppenunterschiede wäre ein verkürztes Protokoll für eine gezielte Routine-untersuchung
denkbar.
Der subjektive Leidensdruck der Patienten mit MCS-Symptomatik zeigte sich in den Erlanger
Untersuchungen durchweg in höheren Einschätzungen der Müdigkeit im Vergleich zur
Kontrollgruppe. Wie die Erfassung der "Tracking Performance" nach milder Provokation mit 2-
Propanol zeigte, könnte es möglich sien, dass die Vigilanz und evt. auch die motorische
 
26
        Koordinationsfähigkeit bei diesen PAtienten im täglichen Leben beeinträchtigt sind. Aufgrund
noch vielser offener Fragen besteht weiterer Forschungsbedarf.
 
Psychometrische Untersuchungen
 
Die sMCS-Patienten unterscheiden sich auf den BSKE 21-Dimensionen aktuelles Positives
Befinden und aktuelles Negatives Befinden sowie auf den zugeordneten Subskalen nicht von
den übrigen Ambulanzpatienten. Das Körperliche Unwohlsein war bei sMCS-Patienten dagegen
stärker ausgeprägt als bei Nicht-sMCS-Patienten. Bei den auf den Körper bezogenen
Dimensionen des SF-36 (Körperliche Funktionsfähigkeit, Körperliche Rollenfunktion und
 
Körperliche Schmerzen) sowie den Dimensionen Allgemeine Gesundheitswahrnehmung und
 
Soziale Funktionsfähigkeit beurteilten sMCS-Patienten ihre Lebensqualität signifikant niedriger
als Nicht-sMCS-Patienten. Auf den Skalen Somatisierung und Ängstlichkeit der SCL-90-R
zeigten sMCS-Patienten signifikant stärkere Ausprägungen als Nicht-sMCS-Patienten. In der
Tendenz traten diese Unterschiede auf sechs der sieben weiteren Skalen auf, mit Ausnahme
 
Paranoides Denken, so dass sich beide Patientengruppen auch hinsichtlich der globalen
Kennwerte GSI und PSDI signifikant unterschieden. Verglichen mit der Standardisierungs-stichprobe
für die deutsche Version des SCL-90-R sowie im Vergleich zu einem Kollektiv
"normal Gesunder" der englischen Version haben die Studienpatienten höhere Skalenwerte,
besonders deutlich fällt der Unterschied auf den Skalen Somatisierung, Zwanghaftigkeit und
 
Depressivität aus. Hingegen haben die Studienpatienten im Vergleich zu allgemein-psychiatrischen
Patienten und Patientengruppen mit Persönlichkeitsstörungen, Neurosen,
Depressionen, Angststörungen und Somatisierungsstörungen - außer teilweise im Bereich
        spmatisierung- niedrige Skalenwerte, so dass sich das Profil der Umweltambulanzpatienten
(auch der sMCS-PAtienten) merklich gegenüber den Profilen psychosomatischer/
        psychiatrischer Patienten unterscheidet.
Die sMCS-Patienten gaben für 22 von 24 aufgeführten Beschwerden der Beschwerden-Liste
        (B-L) nach v. Zerssen stärkere Ausprägungsgrade an als Nicht-sMCS-Patienten. Insgesamt lag
der B-L-Summenscore bei sMCS-PAtienten hochsignifikant über dem der Nicht-sMCS-Patienten.
 
Der Summenscore der sMCS-Patienten ist höher als der Summenscore der
Eichstichprobe des Instruments und höher als in allen weiteren von v. Zerssen berichteten
Vergleichskollektiven (verschiedene Körperkrankheiten, funktionelle Herzbeschwerden,
verschiedene psychiatrische Erkrankungen, Schizophrenie, Neurosen, neurotische und
endogene Depression). Nur in den beiden zuletzt genannten Kollektiven fällt der Unterschied
nicht hochsignifikant aus. Der Summenscore der Kernstichprobe lag über dem der
Eichstichprobe und dem des Kollektivs mit verschiedenen Körperkrankheiten und unter den
Summenscores von Patienten mit neurotischen und endogenen Depressionen.
       
27
        Zusammenhang zwischen Umwelteinflüssen und gesundheitlichen Beschwerden
 
Die Ambulenzärzte vermuteten, dass bei 34 % der Patienten eine frühere bzw. bei 20 % eine
aktuelle hygienisch relevante Exposition vorlag, als toxikologisch relevant belastet wurden. 15 %
(früher) bzw. 6 % (aktuell) eingeschätzt. Die Einschätzungen differieren deutlich zwischen den Zentren.
Toxikologisch relevante Belastungen wurden bis auf wenige Prozent sämtlich in
einem Zentrum angegeben, während die anderen Zentren bei keinem oder nur sehr wenigen
Patienten eine toxikologisch relevante Belastung sahen. Während sMCS-Patienten ärztlicher-seits
signifikant häufiger als zu einem früheren Zeitpunkt hygienisch belastet eingestuft wurden,
lag im Gegensatz dazu nach ärztlicher Einschätzung bei den Nicht-sMCS-Patienten aktuell
häufiger eine hygienisch bedeutsame Belastung vor. sMCS-Patienten wurden signifikant
häufiger als "sozial" und "in Alltag und Beruf" stark beeinträchtigt eingeschätzt, während sich die
Einschätzungen in den Kategorien "körperliche" und "seelische" Beeinträchtigung nicht so stark von
        den Nicht-sMCS-Patienten unterschieden. Ein Kausalzusammenhang zwischen vermuteter Umweltnoxe
        und  den berichteten Gesundheitsbeschwerden wurde ärztlicherseits bei 66b% als eher unwahrscheinlich
einegstuft, eine umweltbedingte Erkrankkung im engeren Sinne nur bei 22 % der Patienten bejaht,
Diese Einschätzung fand sich fast ausschließlich in zwei Zentren, eine Multiple Chemische Sensitivität
im engeren Sinne (d.h. eine nicht psychosomatisch erklärbare, somatische Überempfindlichkeit
gegenüber verschiedenen Umweltagenzien) wurde ausschließlich in zwei Zentren diagnostiziert.
Dies legt die Vermutung nahe, dass das Krankheitsbild MCS und die zu seiner Beschreibung
festgelegten Kriterien noch nicht klar genug definiert sind, um eine Beurteilerübereinstimmung zwischen
den Ärzten in sechs umwelt-medizinischen Zentren bezüglich des Beschwerdebildes MCS zu erzielen.
Hierin liegt weiterer Forschungsbedarf begründet.
 
Schlussfolgerungen und Ausblick
 
Mit der ersten multizentrischen MCS-Studie in Deutschland ist die Etablierung eines
Forschungsverbundes gelungen, innerhalb dessen sowohl klinisch-epidemiologische, wie
klinisch-diagnostische (und zukünftig ggf. therapeutische) sowie pathogenetische Aspekte der
idiopathischen Umweltintoleranz-Phänomene (Idiopathic Environmental Intolerances, IEI),
speziell der Multiplen Chemikalien-Sensitivität (MCS), auf einer wissenschaftlich tragfähigen
Grundlage untersucht werden können. Im Rahmen des als Pilotstudie anzusehenden
Vorhabens wurden geeignete Erhebungsinstrumente für die klinisch-epidemiologische
        Erforshcung von MCS entwickelt udn für das mittlerweile angelaufene Folgeviorhaben optimiert.

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Der bisherige Auswertungsstand bestätigt die bereits aus anderen Untersuchungen bekannten
Besonderheiten umweltmedizinischer Patienten, speziell jener mit MCS-Selbstattribution: hoher
Leidensdruck; multiple subjektive Fremdstoffunverträglichkeiten, mit Schwergewicht auf
Innenraumschadstoffen; breites Beschwerdenspektrum mit subjektivem Expositionsbezug;
überwiegend Frauen betroffen, besonders in mittleren Altersgruppen; häufiger alleinstehend
und nicht bzw. nicht mehr berufstätig oder mit längeren Krankschreibungen; zahlreiche
Voruntersuchungen. Bei einem erheblichen Anteil der Umweltambulanzpatienten deuteten sich
        *berlappungen mit äh lichenund beim gegenwärtigen Forschungsstand nicht eindeutig
abgrendzbaren Beschwerdekomplexen an, so insbesondere zum chronischen Schmerz-syndrom,
        dem chronischenErschöpfungssyndrom und den somatoformen Störungen.
Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass die Umweltambulanzpatienten und hier wiederum
besonders die sMCS-Patienten im Hinblick auf die psychometrischen Profile zwar oberhalb der
Normstichproben scoren, aber noch deutlich unterhalb der bei Psychosomatik- und Psychiatrie-
Patienten ermittelten scores liegen (mit Ausnahme der Somatisierungsdimension, in der
        Umweltpatienten höher scoren).
 
Für die medizinische Beurteilung von Umweltambulanzpatienten ist es nach den Erfahrungen
aus der durchgeführten Studie zwingend erforderlich, neben der allgemein-klinischen und
umweltmedizinischen Diagnostik auch die psychosoziale Dimension umweltassoziierter Leiden
        zu berücksichtigen.  Dazu bedarf es in vielen Fällen einer integrativmedizinischen Betreuung
unter Beteiligung psychomedizinsicher Fachrichtungen. dies filt nachgerade für einschlägige
        IEI- oder MCS-Forshcungsprojekte, da sonst mit einer Unterschätzung der psycgosozialen
Erkrankungskomponenten zu rechnen ist.
 
Das von den meisten Patienten angegebene gesteigerte Riechvermögen konnte mit
orientierenden Riechtests (Sniffin´ Sticks) an einer Teilstichprobe nicht oder nur in Einzelfällen
bestätigt werden. Des Weiteren konnte bei einer kleineren Unterstichprobe von 19 Patienten mit
MCS-Verdacht (Ebene 1) mittels eingehender olfaktometrischer Untersuchung keine eindeutige
Störung der Riechleistung objektiviert werden.
Die umweltmedizinische Einschätzung bezüglich einer früheren oder aktuellen Schadstoff-exposition
und deren Konsequenzen für das Krankheitsgeschehen fiel in den sechs beteiligten
Zentren sehr unterschiedlich aus. Eine größere ätiologische Bedeutung von Umweltchemikalien
wurde lediglich in einem Zentrum (Bredstedt) attestiert. In den übrigen Zentren hatte man die
äthiopatische Relevanz von Fremdstoffen in den zu beurteilenden Fällen zurückhaltend bis
        ablehnend eingeschätzt.
Demzufolge gingen auch die ärztlichen Einschätzungen bezüglich "MCS" zwischen den
einzelnen Zentren erheblich auseinander. Es zeichnete sich ab, dass diese beträchtlichen
 
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Differenzen nicht allein durch Unterschiede in der Zusammensetzung der Patientenkollektive
bedingt sind, sondern eher auf unterschiedlichen medizinischen Einschätzungen bzw. einer
unzureichenden Beurteilerübereinstimmung beruhen. Deshalb erscheint es dringlich, anhand
einer zufällig ausgewählten Patienten-Unterstichprobe aus den in der MCS2-Einschätzung
divergierenden Zentren eine diagnostische Nachbeurteilung (zunächst nach Aktenlage) im
Rahmen gemeinsamer überregionaler Fallkonferenzen vorzunehmen. Methodisch
befriedigender als dieser Ansatz wäre allerdings eine Studie mit Interraterdesign. Dies würde
jedoch aufwändige Doppeluntersuchungen von Patienten in zwei Zentren und damit eine
gesonderte Finanzierung erfordern.
Die klinische Ausschlussdiagnostik und die Anwendung vorbestehender MCS-Kriterien mit dem
Nachweis der dabei auftretenden Zentrenunterschiede in den MCS2-Anteilen sowie die
Aufdeckung der Hintergründe dieser Differenzen bilden nur einen Auswertungsschwerpunkt der
Studie. Darüber hinaus bestand ein weiteres Grundanliegen der Studie darin, hinter die
vorgegebenen Fallkriterien, die psychometrischen Summenscores und die ambulanzärztlichen
diagnostischen Einschätzungen zurückzugehen, also bei den Ursprungsdaten bzw. auf
Itemebene anzusetzen. Von dieser Grundlage aus sollen zum einen explorative Datenanalysen
vorgenommen (Suche nach Merkmalsmustern) und zum anderen hypothesengeleitete
Auswertungen durchgeführt werden. Über diese multivariaten Datenanalysen wird, wie im
Forschungsverbund vereinbart, in separaten wissenschaftlichen Publikationen berichtet.
Für die Zukunft erscheint es unbedingt erforderlich, dass in MCS-Studien wie auch in der
medizinischen Praxis bei entsprechenden diagnostischen Zuordnungen stets die konzeptionelle
Grundlage benannt wird. Dies kann im einfachsten Falle durch die Angabe der zugrunde
liegenden "Modellklasse" geschehen, wie zum Beispiel:
a) somatisches Modell
b) psychosomatisches Modell
Da Ja-/Nein-Entscheidungen häufig nicht ohne Zwang möglich sind, sollte eine trichotome
Antwortklassifikation (mit der Antwortalternative "ja/nein/unklar") bevorzugt werden.
In Studien sind vor einer potentiellen MCS-Einstufung unbedingt Fallkonferenzen vorzusehen,
in denen neben einem Umweltmediziner mindestens ein erfahrener Kliniker (vorzugsweise
Internist, Allergologe, Neurologe) und ein Psychosomatiker oder Psychiater vertrenten sein
sollten. Der bei diesen Konferenzen stattfindende Entscheidungsprozess ist in seinen
wesentlichen Schritten zu dokumentieren.
 
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