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Da ich vor meiner SAFER-WORLD - arbeit u.a. als Stimmbildnerin und Gesangspaedagogin (sowohl fuer Klassen und Gruppen als auch fuer Einzelpersonen) taetig war, stelle ich hier einige meiner Ueberlegungen vor, die ich als Leiterin des Workshops "Frauen erheben ihre Stimmen" beim deutschen Kongress "Frauen und Schule" im Jahre 1995 zusammengestellt habe. Ingrid Scherrmann Stimmprobleme Einige (unvollstaendige) Ueberlegungen Nach meinen fast 30-jaehrigen Erfahrungen als Stimmbildnerin sind die Defizite im Bereich "Stimme", was sowohl das Wissen als auch die Realisierung betrifft, zum Teil erheblich, d.h. die meisten Sprechstimmen sind zu eng, zu monoton, zu flach, zu hoch, zu schrill, zu hauchig, zu undeutlich, zu leise, zu rauh, zu undeutlich, zu nuschelig, zu unflexibel und vor allem: sie sind nicht belastbar. Den Stimmen fehlt Lebendigkeit, Differenziertheit, Tragfaehigkeit und Kraft. Es fehlt die Technik fuer lebendiges und auch kraftvolles Sprechen und es fehlt ihnen das Wissen,
Atmung: Die Atmung ist das Fundament, ohne das sich die Stimme nicht entfalten kann. Die erschreckende Bilanz meiner Erfahrungen mit ueber 2500 Kindern und Jugendlichen und ueber 500 Erwachsenen ist, dass gerade im Bereich "Atmung" in unserer Zivilisation ein kollektives Fehlverhalten auftritt: Von 100 Erwachsenen atmen ca. 75 voellig falsch, ca. 20 halbwegs richtig, und nur ca. 5 einigermassen richtig. Die Ursachen fuer dieses Phanomen sind in erheblichem Masse geschlechtsspezifisch. Rollenspezifische Aspekte: a) bei Frauen Sowohl beruflich als auch privat lassen sich Frauen auf dem Gebiet "Stimme" reduzieren, ja sie finden es voellig in Ordnung, stimmlich amputiert zu sein. Die Ursachen fuer diese Stimmreduktion sind vielfaeltig: Frauen wagen sich zwar intellektuell in sog, Maennerdomaenen, was aber die Sprechstimme betrifft, beharren sie noch haeufig auf einem "Weibchenideal" des Lieb-, Sanft-, Nettseins, einer Mentalitaet des "Ja nicht Auffallen Wollens". Dass Frauen nicht effektiv atmen, es nie gerlernt bzw. im Kleinkindalter verlernt haben, hat lange Tradition in unserer Kultur. Jahrhundertelang herrschte eine Koerperfeindlichkeit vor. Frauen wurden eingeengt und tatsaechlich eingeschnuehrt. Sie mussten permanente Ohnmachtsanfaelle, Verkrueppelungen der Leber und anderer Organe erdulden. Heute in unserem von Keuschheits- mieder, Korsetts und anderer "Leibes-Panzer" befreiten Zeitalter sind wir bei genauerem Hinsehen so viel besser gar nicht dran, denn die Frauen unterwerfen sich mit jedem Atemzug mehr oder weniger bewusst dem Diktat des vorherrschenden Schlankheitswahns, auch oder gerade erst, wenn sie sich in vielen Bereichen schon beachtlich emanzipiert haben. Da eine richtige Atmung, die sog. Tief- oder Zwerchfellatmung unweigerlich eine Zunahme ihres Taillenumfanges nach sich zieht, atmet sie nur im oberen Lungendrittel, beherzigt den jahrhundertealten Spruch "Maedle, zieh den Bauch ein!" Durch diese "Flachatmung" bleiben ca. 2/3 ihres Lungenvolumens untrainiert und ungenutzt. b) bei Maennern: Ganz andere Ursachen, jedoch einen aehnlichen Effekt hat eine falsche Atmung bei den Maennern. Auch Maenner atmen i.a. nur im oberen Drittel ihrer Lunge. Wenn Sie "tief durchatmen" demonstrieren sie damit ihren angeblich potenten, V-form-gestilten Koerper (mit breiten Schultern und schmalen Hueften). Es waere meines Erachtens sehr interessant, etwas naeher zu untersuchen, in wie weit eine reduzierte Atmung, und dadurch ein verminderter Sauerstoffgehalt im Blut ein reduziertes Koerpergefuehl inclusive reduzierter Sexualitaet nach sich zieht. Und um noch einen Gedankengang weiter zu gehen, inwieweit davon dann Gewaltpornograhie und Gewalt von Maennern eine moegliche Folge sein koennten. Koerperliche Ursachen: Weitere haeufige Holpersteine auf dem Wege der Stimmentfaltung koennen sein - knacksendes Kiefergelenk (z.B. durch falschen Biss),
Psychische Ursachen: Auch psychische Probleme koennen direkt "auf die Stimme schlagen". Probleme durch Schadstoffbelastung: Eine nicht unerhebliche Rolle bei Stimmproblemen duerfte in vermehrtem Masse die Schadstoffbelastung insbesondere in Innenraeumen sein. Formaledhyd, Lindan, PCP, Pyrethroide, Loesungsmittel, etc. schaedigen die Schleimhaeute (auch in sogenannten Niedrigdosen) und somit auch die Stimme. Uebrigens: in den USA gilt fuer immer mehr Profichoere in den Uebraeumen und auf dem Podium ein generelles Duftstoffverbot. Denn in den Duftstoffen (nicht nur in Parfuems sondern u.a. auch in Deos, Rasierwassern, Reinigungcremes, Putzmitteln, Waschmitteln) sind Substanzen, die die Stimmen schwer schaedigen koennen. Fazit: Wenn wir unsere Stimmen zum Klingen bringen wollen, muessen wir also zuerst in unseren Koepfen und Gefuehlen Barrieren abbauen. Wir duerfen nicht unsere Gehirne als alleiniges Zentrum unserer Person betrachten, wir muessen unserem Koerper in seiner Mitte mehr Raum goennen und ihn nicht nur als quasi Freizeitartikel sondern als wesentlichen Teil unserer Person wahrnehmen und akzeptieren. Im Normalfall ist frau/ man dazu erst bereit, wenn ihre/seine Gesundheit ernsthaft gefaehrdet ist oder wenn sie/er allmaehlich beim Erlernen neuer Techniken eine starke Zunahme an Wohlbefinden und Kraft verspuert. Vom Wissen der Techniken bis zum Beherrschen der Techniken ist natuerlich ein weiter Weg. Leider laesst sich dies im Hauruckverfahren nicht bewaeltigen. Damit auch in Stresssituationen Tiefatmung und eine differenzierte und unforcierte Stimme einsetzbar ist, muss viel regelmaessiges Training angesetzt werden. Ich denke,
Stimmung hat nicht nur vom Wort her viel mit Stimme zu tun. P.S: Die angesprochenen Uebungen koennen i.a. zumindest beim Einstieg - nur zusammen mit einem Stimmbildner/einer Stimmbildnerin trainiert werden. Am ehesten wird eine vielseitige Stimmbildung in guten Choeren angeboten. ---- siehe auch unter http://www.safer-world.org/d/Scherrmann/stimme/stimme.htm
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